Von Tentena nach Bomba, oder  - wo man überall Auto fahren kann

Trotz der guten Unterlage habe ich das Gefühl, heute Nacht kein Auge zugetan zu haben. Im Stundenabstand heulten Hunde, als wollten sie den Glockenschlag der Turmuhr an der kleinen Kirche ersetzen. Kein gewöhnliches Heulen, eher der durchdringende Schrei eines gefolterten Menschen. Die Hähne, davon wach geworden, versuchten sie in der Lautstärke noch zu übertreffen.

Um acht gibt es Frühstück und eine Stunde später stehen auf dem Platz vor dem Hotel zwei Toyota Land Cruiser, etwa 20 Jahre alt, tausendfach geschweißt, mit wenigen nicht funktionierenden Instrumenten im Armaturenblech. Alles was an ihnen nicht unbedingt gebraucht wird, ist im Laufe der Zeit verloren gegangen: Türfüllungen und Schlösser, Innenbeleuchtung und anderer Schnickschnack. Um viertel nach neun werden die Motoren angelassen und die fehlenden oder löcherigen Schalldämpfer verleihen ihnen den Klang von etwas Gewaltigem.

Wir fahren über die hölzerne, gedeckte Brücke, die den Fluss am Ende des Poso-Sees überquert, aus dem Ort hinaus. Dahinter endet die Asphaltstraße und die geschotterte Piste steigt kontinuierlich an. In ca. 1000 Meter Höhe hat man einen letzten Blick über den See und Tentena. Dann verschlingt uns der Urwald.

Plötzlich taucht etwas auf, was früher einmal eine Brücke war. Was, da will der drüber? Es fehlen viele Bohlen und Balken und alle, die noch da sind sehen so vermodert aus, als könnten sie nicht einmal mehr ein Kind tragen. Der Fahrer fährt gelassen darauf zu und biegt kurz davor rechts ab, steil hinunter in die kleine Schlucht. Auf der anderen Seite des Flüsschens gibt er Vollgas und quält sich die fast senkrechte Furche hinauf zur Piste. Geschafft, keiner ist aus der offenen Blechbüchse gefallen und keiner hat blaue Flecken. Kein Wunder, wir sitzen so eng und verkeilt darin, dass eigentlich nicht viel passieren kann.

Bei der dritten ehemaligen Brücke sind wir fast schon so gelassen wie der Fahrer. Jetzt verdient die Straße kaum noch, so genannt zu werden. Die Autos quälen sich über Steine und durch tiefe Lehmfurchen, mal steil hinauf oder steil hinunter, mal abenteuerlich nahe an einem Abgrund entlang.

Gegen zwölf ist Mittagspause. Unsere beiden Toyotas und ein dritter bleiben einfach mitten auf der Piste stehen, mit Gegenverkehr ist wohl nicht zu rechnen. Vor uns liegt eine tiefe Schlammschlucht, die aussieht, als hätte sich gestern eine gewaltige Flutwelle über dieses Stück Erde ergossen. Jetzt ziehen die Fahrer Schneeketten auf, die einen Teil des fehlenden Reifenprofils ersetzen müssen. Das lässt nichts Gutes ahnen. Daniel meint, die Straße hier sei noch gut, nur das letzte Stück sei schlecht. Außerdem regne es nicht und deshalb komme man gut voran.

Nach dem Essen (es gab Reis mit Ei und Huhn) geht es auf die Schlammbuckelpiste. Die alten Autos stürzen sich hinunter und bäumen sich dann hinter der nächsten Welle auf wie ein Saurier im Todeskampf. Manchmal rutschen sie auf zwei Rädern, halb auf der Seite liegend, eine Schlammböschung entlang, um in einer Mulde wieder in die Horizontale zu fallen. Die tiefen Furchen, auf denen es sich wie auf Schienen fährt, sind noch die angenehmsten. Ich glaube ständig, wir fallen um oder überschlagen uns nach vorn oder hinten. Daniel hatte uns erzählt, dass die Bauarbeiten an dieser Verbindung, von den nur an einer Stelle am Anfang etwas zu sehen war, schon 15 Jahren dauern. Kaum anzunehmen, dass sie je fertig wird.

Nach drei Stunden steckt ein Saurier die Flügel, das heißt: Das rechte Rad ist aus dem Lager gebrochen. Das einzige Problem für unsere Begleiter ist, den Wagenheber so zu unterbauen, dass er nicht im Schlamm versinkt. Nach einer halben Stunde ist das Rad wieder fest.

Etwas weiter erschrickt der Fahrer; eine Schneekette ist verschwunden. Ohne sie kann er nicht zurückfahren und außerdem sind Schneeketten (besonders in den Tropen) teuer. Also schickt er die zwei Beifahrer mit einer Hacke los, um sie zu suchen und auszugraben. Ich glaub es nicht, nach einer halben Stunde kommen sie mit dem wichtigen Utensil zurück; die Fahrt kann weitergehen.

Beim Beginn der Dämmerung erreichen wir die große überdachte Brücke, wo die Leute, die die Strecke zu Fuß gehen oder deren Gefährt die Sklavenarbeit verweigert hat, übernachten; der einzige trockene Platz auf der ganzen Strecke. Dahinter wird es eng, wie auf einem zugewachsenen Waldweg.

Ein lautes Kreischen unterbricht die Fahrt zum dritten mal ungewollt. Dieses mal zerlegt der Fahrer das gesamte Lager des linken Vorderrades. Ein Kugellager hat sich, bis auf wenige Perlchen, aufgelöst. Aber auch diese Reparatur im Urwald ist nur eine Frage der Zeit. Als wir weiter können meint Gerold im Scherz, als nächstes sei das rechte Hinterrad an der Reihe.

Es ist dunkel geworden und der Rest der Höllenstrecke wird für mich zur Tortur. Ich mag mich nicht mehr festhalten müssen, nicht mehr gegen die ständigen Schläge ankämpfen, nicht mehr eingekeilt zwischen Rohren und Schaltknüppel sitzen.

Nachdem viele weitere Tausend Kubikmeter Schlamm und Steine bewältigt sind, hält der Fahrer an, steigt aus und begutachtet das rechte Hinterrad. Um Gottes Willen, Gerold hatte recht. Nein, die Schneekette wird abmontiert, auf dem Rest der Strecke von acht Kilometern wird sie nicht mehr gebraucht. Zeit für uns, nach den Sternen zu schauen, die hier zum Greifen nah sind. Nirgendwo auf der Welt habe ich den Nachthimmel so gesehen.

Um halb neun ist es vollbracht, Bomba im Bada-Tal ist nach über elf Stunden (für 62 Kilometer) erreicht. Mit einigen blauen Flecken und Muskelkater in den Armen steigen wir vor dem Homestay Ningsi aus, ein unerwartet komfortables Holzhaus mit Mandi in jedem Zimmer, von dem uns jetzt keiner mehr zurückhalten kann.

 

Schneeketten im Urwald

Batu Palindo, der größte Megalith im Bada-Tal,
für den wir die Strapazen der Anreise auf uns
genommen haben.

Monolith Batu Palindo
Bada -Tal Fahrt mit dem Jeep über den "Highway"

 

 

Auf den tief eingefahrenen Spurrillen
kann man den Weg nicht verlieren

Bada-Highway